Zuhause ist da, wo dein Herz ist. Aber Schatz, wo soll das sein? Irgendwo auf meinem Weg hab ich mein Herz verloren und das Zuhause, in dem ich noch nie gelebt habe.
Schatz, ich komm an Weihnachten nach Hause, auch wenn es mir nicht entspricht. Ich komme für dich nach Hause, auch wenn ich nicht weiß, wo das ist.
Ich komme nach Hause, Schatz.

Ich freue mich dich zu sehen. Ehrlich. Aber die ganze Zeit so angesehen zu werden, das ist so anstrengend.
Sich gegenseitig aus Liebe etwas schenken, aneinander zu denken, den Gegangenen zu gedenken, weil Weihnachten immer so besinnlich ist, es den Schuldigen zu verdenken, weil Gott jedem vergibt, gemeinsam zu feiern, das ist doch so schön. Einmal im Jahr zusammen kommen, nicht zu streiten, friedlich zu sein, zu lieben; das kann doch nicht so schwierig sein.
Es ist so anstrengend, so viel zu lachen, zu spaßen und zu reden.
Wenn man doch eigentlich weinen will und schreien und einfach nur schweigen.

Weihnachten ist vollgepackt mit Emotionen und Wünschen und Erinnerungen, eingepackt in glitzernde Geschenke und Glückwünsche, verstaut in drei Tage, eingekocht in Liebe und wieder ausgepackt in Lachen.
Aber all diese Emotionen sind immer gut, egal ob es die Trauer ist oder das Glück, das ist gut, das ist normal. Aber den depressiven Scheiß, den will niemand sehen, den will man mit Lippen wegküssen, mit Karten wegschreiben, mit Wünschen wegwischen, mit Geschenken wegdenken.

Aber darauf nimmt doch die Depression keine Rücksicht, denn sie ist immer mit dir. Beim Essen flüstert sie dir ins Ohr, nach dem Essen lässt sie dich die Menge verlassen und dich alleine wo hin setzen. Beim Geschenke auspacken verbietet sie dir das Lachen und schenkt dir stattdessen noch ein paar Tränen mehr. Beim Verschenken gibt sie dir Unzufriedenheit mit einem Hauch Selbsthass.

Aber es ist ja nicht so. Du könntest auch einfach bei den Anderen sitzen und reden und lachen. Du könntest, aber das wäre dann wieder gespielt und gelogen. Das will man doch nicht, man möchte lieber, dass du gesund wirst. Man will, dass du schnell wieder gesund wirst. Schnell. Ganz schnell. Am besten noch vor Weihnachten, damit man es genießen kann.

Denn das ist doch deine Familie! Was fällt dir da so schwer? Bemüh dich doch noch ein bisschen mehr, tu es für sie, sie lieben dich so sehr. Schnell.
Pass dich halt mal ein bisschen an und „cheese“ jetzt lach mal ein bisschen. Schnell, wir wollen ein schönes Foto. Wir wollen schöne Erinnerungen. Wir wollen die Trauer, die Krankheit nicht auch im Fotoalbum kleben haben, wir wollen die schnell übermalen, wir wollen die schnell vergessen. Schnell.

Und das gemeinsame Essen, das hat doch was, das ist doch schön. Das ist was ganz wichtiges, einmal im Jahr! Das wird dir doch wohl nicht so schwer fallen.
Ja aber Schatz, das bedeutet Hungern für mich. Hungern morgen und übermorgen und … du verstehst das leider nicht.
Es … Es fühlt sich an wie schuldig sein, den ganzen Abend lang. All das Leid, das ich euch hinwerfe, die Familie damit beschmutze, euch hinunterziehe. Indem ich eben nicht lache und nicht esse und nicht auf Fotos will, indem ich euch eben nicht die Geschichten und die Fotoalben-Fotos schenke, sondern nur die bittere Wahrheit. Indem ich nichts mehr spiele, indem ich mich aber immer zwingen muss, indem ich mich bestrafen muss, vor euch.

Ich will es doch auch, ich will es genauso sehr wie ihr, dass alles besser wird, dass ich euch nicht mehr zur Last falle.
Denn das Sorgenkind zu sein, das tut so verdammt weh, und die Angst tut weh und die Panik und die Depression und … und … und du verstehst das leider nicht.
Ihr seid doch so nett zu mir, ihr unterstützt mich und ich falle einfach nur weiter.
Was fällt dir ein?, so zu fallen?
Ich denke niemals daran aufzuhören, ich wünsche es mir ganz fest, aber die Wünsche, die in Erfüllung gehen, machen das leider auch nicht wett. Die Bücher und Socken und Kerzen und der Schmuck, der gefällt mir, das freut mich, aber Mama, mein einziger Weihnachtswunsch ist …

Ihr steht um mich herum, bildet einen Kreis und ich falle in die Mitte hinein, in das Loch, ganz weit und höre nicht auf zu fallen, denke niemals daran aufzuhören. Ihr steht um mich herum und lächelt mich an und wünscht mir all die Wünsche, die es nötig sind in Erfüllung zu gehen, das sind keine Bücher, Mama, keine Socken, kein verdammter Schmuck.
Ich kann mich erst wieder schmücken, wenn ich mich liebe, wenn ich das Leben liebe, wenn ich lebe.

Und dann mit euch, wenn ich wieder bei euch lebe, unter euch, in der Mitte von euch, wie das kleine Vögelchen, das ehemalige Sorgenkindchen, das aufgefangene Nesthäkchen.
Aber ihr seht mich an, lächelt mich an und ich höre einfach nicht auf.
Ich sehe euch an und ich gebe auf.

Und Mama, mein Wunsch ist, dich glücklich zu machen, dir nicht zur Last zu fallen, endlich nicht mehr zu fallen, Hoffnung zu haben und sie dir zu zeigen, zu schenken, zu lächeln und in Fotoalben kleben und damit angeben und … einfach endlich wieder lachen. Dich anzulachen, voll Glück. Voll Gesundheit.
Mama das ist mein Wunsch.

Und ich gebe auf, aber noch nicht jetzt, hörst du.
Schatz, ich habe all diese Laster aber ich trage sie, okay? Ich bemühe mich, so sehr ich mich bemühen kann und lache, sobald ich lachen kann. Ich versuche es, sobald ich kann. Aber schnell geht das leider trotzdem nicht.

Schatz, ich komme nach Hause für dich.
Ich komme nach Hause für mich.
Schatz, Mama, ich liebe dich und vergiss mich nicht, denn ich bin noch da, ich bin bei dir, bin bei mir, bin endlich hier.
Mama, ich bin hier.

Maxi

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