Der Hausschlüssel lag mit dem kleinen Herz als Anhänger auf dem Tisch. Alles war aufgeräumt, das Geschirr abgetrocknet und verräumt, das Bett abgezogen, der Schrank leer, alles leer.
Da saß sie nun, schon wieder. An dem dämlich aufgeräumten und gewischten Tisch, fast steril wirkten ihre Möbel jetzt. Irgendwie hat sie es schon gerochen als sie durch die Tür trat. Noch bevor sie den Schlüssel sah, hatte sie vermutet was geschehen war. Und sie fragte sich, wie ihr das schon wieder passieren konnte. Sie schluchzt. Für immer, hatte er gesagt, ich verlasse dich nicht, hat er gesagt, vertrau mir doch, sagte er noch vor ein paar Tagen.
Bitte lass mich nicht fallen, bitte lass einmal jemanden bei mir bleiben, bitte verlass mich nicht, dachte sie. Am Morgen war er schon so komisch gewesen, er hatte sie angesehen, als sie ihre Jacke anzog, als würde er sich verabschieden – aber für immer. Sie hat den Blick in den Augen gesehen, sie kennt diese Blicke. Die sagen: ich verlasse dich, und fühle mich gut dabei, ich bereue es nicht, denn mit dir leben, … ganz ehrlich. Heute Nachmittag wirst du wieder alleine sein, und das ist gut so. Auf Wieder sehen, nein auf-nicht-wiedersehen, leb wohl, oder leb dein scheiß verkacktes Leben weiter, es ist mir egal. Ciao.
Die vielsagenden Blicke ohne Tränen, ohne Wut, ohne Traurigkeit. Manchmal wollte sie ihnen sagen, sie sollten das Geld einfach auf den Nachtisch legen und sich ruhig ein Taxi nehmen, war schön mit dir, danke, bis dann.
Aber das tat sie natürlich nicht. In solchen Momenten war sie immer stumm, sprachlos möchte man meinen, wie sonst auch. sie hatte für diese Leere keine Worte, es gab keine Sätze, kein Essen, kein Bettkissen, das diese Leere füllen könnte.
Keine Zuckerwatte vom Jahrmarkt mit sowieso, und keine Regenbögen vom Ausflug mit sowieso, und kein Meerwasser vom Ausflug an die See mit sowieso. Keine dieser Ressourcen könnten jemals füllen was sie brauchte.

Da lag dieser erbärmlich Schlüssel vor ihr, und ihre alte Liebe als Anhänger daran. So schnell ging es also, dass eine Liebe vergeht. Oder dass ein einfaches Gefühl vergeht, das nie Liebe war, sondern nur die Hoffnung und Sehnsucht nach jener. Es ging so einfach, der Schlüssel war im Endeffekt alles was er von ihr hatte. Er hatte ihren Körper in der Nacht, ihre Wohnung an manchen Tagen oder Abenden, ihr Essen im Restaurant, wenn sie es wieder stehen ließ, er hatte nur den Schlüssel. Sie sah darin immer eine Metapher: der berühmte Schlüssel zu ihrem Herzen. Aber wieviele Schlüssel möge es geben? Sie hatte schon so viele verschenkt. Sie hatte sie einfach verschenkt. Nie verlangte sie etwas. Eine Gegenleistung, Vertrauen, oder gar Liebe. All das lebte nur in ihrer Vorstellung, ihre verfluchte Fantasie.
Die Fantasie schenkte ihr Worte, die sie nicht sagen konnte. Gespräche gab es eigentlich nie. Sie mussten ja schließlich auch nicht reden, bei der schönsten Sache der Welt redete man nicht. In einer Beziehung redete man nicht, am Tisch auch nicht. Sie fragte sich schon immer, was er mit der schönsten Sache gemeint hatte.

Im Endeffekt hatten sie vielleicht ein paar Worte ausgetauscht, ein „Hallo“ und ein „Hab-dich-lieb“ geflüstert wenn es ihr die Nackenhaare aufstellte. Und dann dieses verdammte „Ciao“ das sie schon so oft gehört hatte, und nie selbst ausgesprochen. Sie erwähnten nicht einmal ihren Namen. In einer Zeitung hatte sie gelesen, es wäre höflich oft den Namen seines Gegenübers auszusprechen. Sie haben ihren Namen nie laut gesagt, vielleicht im Bett oder im Türstock, aber nie in ihr Gesicht, in näherem Kontakt. Eigentlich haben sie nie viel zu ihr gesagt.
Hey, leg das Geld auf den Nachtisch, passt schon und nimm dir ein Taxi, gute Nacht.
Nein sowas hatte sie nie gesagt, sie hatte sich nicht getraut. Nicht, weil sie Angst hatte, dass etwas geschah, nein eigentlich nur, weil sie Angst hatte, von ihr selbst zu hören, dass das nur eine einzige Nacht war, oder ein Jahr voll einziger Nächte. Dass das eigentlich nichts war, nur ein Herzanhänger an einem nachgemachten Schlüssel für ihn. Das war eigentlich alles. Von ihm. Von ihr. Für ihn.
Sie hätte soviel mehr übrig gehabt für ihn. Sie hatte soviel Liebe, die sie geben wollte, aber das konnte sie nie, weil dieses dämliche Loch, diese Leere in ihr sich nicht gefüllt hatte. Das war ein überleerer Tank, der wollte zwar Wasser geben, zum überleben, aber er hatte einfach zu wenig. Zu wenig Leben war in ihr.
Wie sollte das auch zu ihr zurückkehren?
Indem sie nie aß, wohl kaum. Indem sie den Schmerz in der Nacht mit ihm vergaß. Sie sich selbst nicht mehr wahrnahm, nur als leeren Tank, der nichts war als eine hübsche dürre Hülle. Wohl kaum.

Der Anhänger fiel zu Boden und der Schlüssel traf den Bilderrahmen an der Wand. Er donnerte auf die Dielen und zersprang in tausend Scherben.
Sie wollte ihr Herz wieder aufheben, doch sie rutschte in ihrem eigenen Chaos aus, und lag inmitten den alten Bildern und dem Glas, das sie schützte, so lange. Das Herz war irgendwo unter den Tisch geschlittert, der Schlüssel irgendwo zwischen ihr und den Scherben und ihren Tränen und Gefühlen und ihrem Blut. Es war auch egal. Denn am Ende konnte das doch nie was werden.
Anhänger hin oder her. Leben hin oder her. Verbrauchte Liebe hin oder her. Herz hin oder eben her.Kurz hatte ihr Herz einen Durchhänger, ihre Leber machte einen Überhänger.
Nein warte, das war kein Herz. Es war nur ein Anhänger.

Maxi

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