Einatmen, einatmen, einatmen, einatmen, einatmen.
„Was auf den Teller kommt, wird aufgegessen; Iss es jetzt es endlich auf!
Du wirst nicht eher gehen, bevor das getan ist!“, sagte er und ließ sie allein zurück. Hat er diese Kinderaugen nicht gesehen, die ihn fassungslos anstarrten? Seine Worte kamen dem Ekel gleich, das sie verspürte, als sie wieder auf den Teller blickte. Die Gedanken schob sie hin und her, potentielle Sätze legte sie sich zurecht, doch sie sprach sie nie aus. Iss. es. auf.
Ja, ich versuche es ja, oh Daddy, wieso liebst du mich eigentlich nicht, wieso muss ich das überhaupt essen, wenn du mich immer nur bestrafst?
Sie sieht, wie er zurück zu seiner Arbeit geht und lässt sich langsam von ihrem Stuhl rutschen. Als ihre kleinen Füße den Boden berühren, merkt sie schon, dass es eine falsche Entscheidung war, zu gehen. Aber sie ging, mit leisen Schritten auf die Küche zu und schüttete schnell die Reste in den Abfall. Auf Zehenspitzen stand sie an der Theke und ließ nun das Besteck in den Behälter rutschen. Das Mädchen aus der Küche hat es nicht gesehen, sie trocknete noch das andere Geschirr ab, puh geschafft. Die Tochter dreht sich auf Zehenspitzen wieder um, doch vor ihr steht er nun.
Was sie getan hätte. Was sie getan hat!! Er will wissen, was das war, was das sollte. Antworte mir!! Hörst du mich nicht, Kind?!
Die Sätze kommen gedämpft zu ihr herüber geprallt, gegen eine milchige Glasscheibe. Der Ekel vor den Wörtern kommt wieder. Wie er seine Anschuldigungen wie verfaultes Obst gegen sie  schleudert, sie treffen auf die Glaswand und rinnen in Schlieren daran herunter. Es wird lauter und die Glasscheibe immer dünner, nein!
Einatmen, einatmen, einatmen, einatmen, einatmen.
„ … ob du mich verstanden hast!“
Einatmen und sie nickt. Er wieder: „Hast du das jetzt verstanden?“ und sie nickt wieder. Erneut. Einatmen.
„Sag mir jetzt endlich, ob du es verstanden hast, sag: Ja ich habe es verstanden, Papa!“ brüllt er die Kleine jetzt an. Die Küchenhilfe ist jetzt diskret in die andere Ecke der Küche verschwunden, sie versteht seinen Dialekt ganz schlecht und kann sein Geschimpfe nur am Ton erkennen. Er ist ein guter Chef, sie mag das kleine Mädchen, aber das da ist nicht ihre Sache. Seine Erziehung geht sie nichts an. Irgendwie scheint es ihr aber so, als ginge seine Erziehung hier niemanden was an, weder seine Frau, noch seine Exfrau. Niemand mischt sich ein. Seine Sache.
Die Tochter hat gesehen, wie Valentina nun in der anderen Ecke steht und abtrocknet. Sie fühlt sich hilflos, warum schreit er immer noch, hat sie nicht schon tausendmal genickt und „ja“ gesagt? Sie muss so schnell einatmen, sie kann seine Worte nicht mehr aufnehmen. Schnell schnappt sie nach Luft: „Ja ich habe das verstanden, Papa.“ und versteckt sich wieder hinter ihrer Glaswand. Die Luft ist so dünn, die Liebe so rar, es ist so stickig dort vor der Spülküche, sie möchte gehen.
Der Vater steht breitbeinig vor ihr, seine starren Augen und starken Arme verhindern aber, dass sie an ihm vorbei huscht. Brav wartet sie, bis er verschwunden ist und tippelt jetzt rasch in ihr Zimmer.

Mama hat ihr Plakate aus der Arbeit mitgebracht, ihre Tochter liebte das Malen. Sie konnte so schön zeichnen. Früher im Kindergarten machten sich die Betreuerinnen noch Sorgen um die Psyche ihres Kindes, weil sie es merkwürdig fanden, dass die Menschen keine Arme und Münder gezeichnet bekamen. Die Betreuerinnen schlugen vor, einen Familienpsychologen aufzusuchen, doch dieser Ratschlag war schnell wieder vom Tisch. Wir brauchen doch keinen Psychologen, wir sind eine ganz normale Familie, mit einem Oberhaupt, und zwar mich, sagte der Vater streng.
Als die Mutter dann auszog und ihm die Tochter wegnahm, war es aus. Seine Liebe war verbraucht, die er nie wirklich hatte. Die Lügen wurden mächtiger, die Strukturen strenger. Er wurde nicht nur strenger, härter, er wurde zu einem Tyrann, ein Monster in seiner eigenen Hölle, und so malte die Tochter Skizzen auf ihre Plakate. Die Worte „Mama“ und „Hilfe“ waren ständiger Begleiter Bildunterschrift und dreimal unterstrichen. Die Tochter wollte raus, sie wollte wieder nachhaus, zu ihrer Mutter, sie wollte wieder richtig behandelt werden und nein, Papa, ich kann nicht mehr essen, wirklich!

Seine Frau kümmert sich gerade um das schreiende Baby, als er in der Küche steht und mit dem Koch streitet und seine andere Tochter in der eigenen Küche steht und mit zerbrochenem Glas spielt. Seine andere Tochter.
Das Baby hat einen Platz neben der Theke bekommen, da liegt es nun im Kinderbett, inmitten von Stress und Schreierei, in einer Gastronomie, zwischen Gästen und geizigen Gastgebern. Es ist so laut und stickig dort, die Tochter hält sich für einen Moment die Ohren zu, dann fährt sie fort und liest ihrem Geschwisterchen die Geschichte nochmal vor. Ganz leise flüstert sie: „Ich hab dich lieb, ist doch nicht schlimm. Ganz ruhig, du schaffst das, nur nicht weinen! Bitte weine nicht!“
Doch das Baby kann nicht anders und muss schreien, die Ehefrau kommt und steckt den Schnuller wieder in dessen Mund, mit dem Bier in der anderen Hand. Getränk aufs Tablett, ab zum Gast!
Der Tyrann hat sich schon gestenvoll umgedreht und rollt mit den Augen. Sie blitzen die Tochter und die andere förmlich an und machen sich bereit, zum Angriff.
Die Tochter trennt das Netz des Kinderbetts, und die andere trennt eine unsichtbare Wand, voll Sorgen und Glück und Weinen und Lücken.
„Du darfst hier nicht schreien, Kind!“ Sie kann ja schließlich nicht antworten, doch er wiederholt sich ein paar Mal. Das Baby hat jedoch schon die Augen verschlossen und die Augenbrauen wütend zusammengezogen. Die kleinen Hände umklammern das Kuscheltier, suchen verzweifelt nach Halt nach Liebe, nach den Eltern.
Er wieder: „Das ist eine Gastronomie, da darf man nicht so laut schreien!“
Die Tochter glaubt sie hätte es jetzt verstanden, trotzdem bewegt sie sich keinen Zentimeter, gleich wird er sie anschauen. Einatmen, einatmen, einatmen. Zu viel Sauerstoff, Panik.
Er dreht seinen Kopf: „Und du, leg jetzt dieses Buch weg“ mit ekeligem Blick „hilf an der Theke, ich muss jetzt nach vorn! Verstanden?“ Ein Nicken, ein weiteres. Sie steht auf und geht an die Theke, auf Zehenspitzen schenkt sie Stamperl und Wasser ein, Bier und Pils klappt noch nicht so gut, der Schaum läuft immer über.

Das war der Samstag, sie hat so viel eingeatmet. Sie wäre fast gestorben, sie wäre fast ertrunken am Sauerstoff, wäre fast verhungert vor Liebebedürftigkeit, wäre fast gegangen, aber sie hat gehorcht, sie hat funktioniert.
Dann kam der Sonntag, und sie schlief lange, damit er schneller verging. So musste sie auch nicht mit frühstücken. Er hatte schon Tadel an ihr zu üben.

„In der Früh muss man schon viel arbeiten, dann hat man am Abend was erreicht. Schau mich an, Tochter, ich habe viel in meinem Leben erreicht, bist du denn stolz? Und sieh dich an, du schläfst so lang, du kommst ja gar nicht zu Taten! Bis nächstes Wochenende, Schatz!“
Sonntag Abend, Mama: Ausatmen, ausatmen, ausatmen, ausatmen, ausatmen, ausatmen, ausatmen.

Maxi

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