In die alte Wohnung trete ich ein. Ein Lächeln, gegenüber ein Röcheln, Gruß, Umarmung: „Alles Gute, Omi!“ Die alten Augen sehen mich dankbar an, sie haben schon zu viel gesehen, sie freuen sich über die Schönheiten, sie machen es jeden Tag ein bisschen ungeschehen. Und die zittrigen Hände halten sich an meinen Armen fest, als wäre es das Letzte, der Rest. Sie haben auch schon zu viel festgehalten und dann versehentlich losgelassen, könnte man die Vergangenheit weglassen, wären wir alle ungeschriebene Seiten, wären wir echte Wahrheiten, wären wir nicht die verantwortungslosen Beispiele einer zerrütteten Familie und dessen kläglichen Überreste. Ich mein es mit uns ernst, wir sind nur noch die Starken mit den Narben, alle anderen haben uns hier hinterlassen, können sie ihre Überreste sehen? Siehst du diese Last, unsere Last, die du vor Jahrzehnten erschaffen hast?

Vor dem Trubel, dem ungewollten Vergangenheitsstrudel, rette ich mich schließlich und stelle mich in die Küche. Hässlicher Kuchen von mir, er ist wie ein Spiegel vor mir, der mich zeigt. Vielleicht ein ganz passabler weicher Kern, aber genauso verschmiert und verletzlich. Das Außen, die Maske ist mit Mühe zusammengeflickt worden, überstrichen und übermalt. Die Makel verdeckt, doch man sieht den Defekt!
Ich wende den Blick ab und zupfe mich wieder zurecht, rücke mein Lächeln an den rechten Fleck.
So trete ich diesen Verwandten, Bekannten, Blutsverbünder, Sünder entgegen, sie können sich kaum halten vor Stolz und Trotz, mein Herz, aber, aus Holz. Denn das ist der Familienmodus, unser Rezept heißt, Funktionieren, bloß.

Schöne Schuhe an, so groß und schlank, die junge Dame, die sich Enkeltochter nennt, die hübsche Kleine, die jetzt so groß ist, die alle den Glanz von ihnen auffrisst. Diese vertrauten Gesichter sind wie Spiegel, die alles verzerrt verschönert darstellen, die das wahre Ich dahinter gar nicht kennen. Die ganzen glasigen spiegelnden Augen, die erwartungsvoll aussehen, die mich ansehen, mich nicht verstehen, aus Versehen.
Beim Kaffeetrinken verzichte ich auf den Kuchen, selbst dem selbstgemachten, ich ziehe es nicht vor, mein Spiegelbild auf meinen Teller zu spachteln, ziehe es nicht vor meine Überreste das Klo runterspülen zu müssen. Tut mir leid, ich weiß, hier herrscht kein Futterneid, sondern nur Schlankheitsbilder und das Klo hinunter. Dieser Wahn wirft uns noch aus der Bahn.

„Na sie muss doch was auf die Rippen kriegen, nur noch Haut und Knochen, das Kind!“ – „Ach Bruder, die Mädchen sind doch heute alle so.“ Sie denkt an die alten Zeiten zurück, mit Miniröcken und dünnen Bäuchen und kleineren Brüsten, sie denkt sie war unwiderstehlich schön und sie denkt, allein die Erinnerung daran, kann das lebendig machen. Sie denkt, das Mittagessen für das Kaffeetrinken auszulassen wäre die Lösung. Stattdessen verpufft sie in Selbstauflösung, erneute Schaufel in den Mund. Frust wird in dieser Familie mit Essen zugedeckt, dicke Fettschicht, die eigentlich nur Enttäuschung ist. Bald habe ich die Schreierei in taube Ohren und Fressorgie für taube Körper satt, wahrlich bin ich satt. Diese Gewohnheiten ekeln mich an, ich bin froh wenn ich auf unser Klo gehen kann. Schon beim Anblick meiner Zukunft, meiner Vorausbestimmung, eurer Familiensverlenkung und meiner Gefühlsverrenkung. Ich sagte schon, es tut mir leid, wahrlich, ehrlich Leid.

Jedoch, dann geht die Lenkung weiter, Geschenkeüberreichung, auf-Komplimenten-herum-Reiter. Ich krame meine kläglichen Kunstobjekte heraus und setze ein stolzes Gesicht auf. Mein Scham und meine Wut bleiben unterm Hut. Ich sehe in ihre glänzenden Augen und bete zu irgendwelchen Göttern, dass sie bitte, bitte jetzt nicht weinen möge. Weinen ist das gleiche wie das Essen. Es geschieht zu den falschen Zeiten, in schlimmen Momenten und nur zur Schuldübertragung. Ihre Tränen kommen nicht zum Vorschein und für einen Moment kann ich froh sein.

Das hätte ich ganz toll gemacht, sie ist so stolz, sie reicht die Bilder reihum, und jeder sieht erstaunt aus. Tja, was dieses hübsche, kleine, noch so schön dumme, da unerfahrenes, Mädchen so kann. Schön sieht es auf jeden Fall aus, doch hängt sie es sich auf?
Und die Enkeltochterschau dauert noch eine Weile, ich lächle und versuche nicht zu weinen, ich antworte brav und ein wenig frech und nett, und versuche nicht zu schreien.
Schreierei ist hier schon genug. Nach der Beschauung und Beäugung stehe ich diskret auf und hänge die Bilder an die Wand, nur um sicher zu gehen. Dann blicke ich mich um und erstarre vor Scham, erblasse vor Schreck, fühle mich wie Dreck. Es sind ungefähr hundert Bilder in diesem Raum, nur von mir.
Es ist wie ein verdammter Spiegelsaal, aus dem man den Ausgang nicht mehr findet.
Sagt mal, ist das euer Ernst? Wieso muss ich hier überall hängen, wieso bekomme ich dieses Lob, wieso stellt ihr mich nicht endlich bloß?

Maxi

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